7. Juli 2022

Viktorias ungewöhnliche Übernahme

Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, kommt der Berg zum Propheten. Diese Redensrat beschreibt ungewöhnliche Lösungsmöglichkeiten für Problemstellungen. Die Sichtbarkeit von Frauen in der mehr als 150-jährigen Männerdomäne Fußball ist so eine.

Die ungewöhnliche Übernahme der Frauenfußball-Abteilung von Viktoria Berlin, durch ein Frauen-Sextett Anfang Juni vollzogen, jetzt über die DPA der breiten Öffentlichkeit vorgestellt, kann tatsächlich einen wegweisenden Impuls geben. Bislang waren Frauen im Fußball eher Bittstellerinnen, früher sogar verpönt, später nur geduldet, aber auch heute noch immer nicht gleichgestellt. In Deutschland nicht, in England, dem Austragungsland der gerade begonnenen Fußball-Europameisterschaft nicht, auch nicht in den USA, wo aber zumindest das „Equal Pay“ für die Frauen-Nationalmannschaft seit Mai diesen Jahres Bestandteil des offiziellen Tarifvertrages mit dem US-Fußballverbandes ist.

Von links nach rechts: Verena Pausder, Katharina Kurz, Henner Janzen, Tanja Wielgoß, Felicia Mutterer, Lisa Währer und Ariane Hingst. Foto: Filiz Serinyel

Die Gründerinnen im Berliner Verein, dessen 1. Frauenmannschaft in der Regionalliga kickt, sind die zweimalige Weltmeisterin Ariane Hingst, die Investorin Verena Pausder, die Vorstandsvorsitzende der Vattenfall Wärme Berlin AG, Tanja Wielgoß, die Brauerei-Chefin von BRLO Craft Beer, Katharina Kurz, die Marketing-Expertin Lisa Währer und die Journalistin Felicia Mutterer. „Wir sind uns sicher, die Zeit ist jetzt reif für Frauen im Fußball, auch in Berlin. Ich will diese Veränderung aktiv mitgestalten und nicht nur von der Seitenlinie aus beobachten”, gab beispielsweise die gebürtige Berlinerin Ariane Hingst als Grund ihres Mittuns an.

Der eigenständige Weg ist deshalb so interessant, weil er in den vergangenen Jahren eher verwaist brachlag, weil zunehmend die Eingliederung der Frauenvereine in bestehende Profivereine der Männer oder die Gründung von Frauenabteilungen in diesen Profivereinen Erfolg versprach und auch brachte. Auch bislang ausschließliche Frauen-Fußballclubs wie die Traditionsvereine in Frankfurt und Potsdam schlugen diese Richtung ein. Der 1. FFC Frankfurt wurde bereits am 1. Juli 2020 in die Eintracht integriert, der 1. FFC Turbine Potsdam hat zum gleichen Zeitpunkt eine dreijährige Kooperationsvereinbarung mit Hertha BSC abgeschlossen. Die letztjährigen Champions-League-Teilnehmer Bayern München, VfL Wolfsburg und TSG Hoffenheim bauen seit Jahren auf eigene Frauen-Abteilungen. München ist amtierender Deutscher Meister, der VfL Wolfsburg seit nunmehr acht Jahren fortwährender DFB-Pokalsieger. Borussia Dortmunds Frauen haben – komplett neu zusammengestellt – 2021/22 in der untersten Kreisliga B begonnen. In der Saison 2022/23 startet der VfB Stuttgart mit einer eigenen Mannschaft und übernimmt dabei das Spielrecht des VfB Obertürkheim nach dessen Abstieg in der Oberliga.

All diese Beispiele stehen für die Symbiose von Männerfußball und Frauenfußball – immer aber unter der Oberhoheit einer gewachsenen Struktur im Männerfußball mit all seinen Vorteilen, aber auch Nachteilen. So fanden in Düsseldorf ausgerechnet Fortuna und der größte und erfolgreiche Frauen- und Mädchenfußballverein TUSA 06 bei der Gründung der Frauenabteilung im Profiverein vor eineinhalb Jahren vorerst nicht zueinander, weil unter anderem auf die vorhandene Expertise von TUSA kein Wert gelegt wurde, wie TUSA-Vorsitzende Ute Groth deutlich machte.

Viktoria Berlin geht da einen ganz anderen Weg. Zwar wurde auch dort 2020 der Geschäftsbetrieb der 1. Männer- und 1. Frauenmannschaft sowie die beiden Mannschaften der Junior:innen-Bundesligen in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert. 51 Prozent hält der Verein, 49 Prozent eine Tochtergesellschaft der SEH Sports und Entertainment Holding, in der Zeljko Karajica Geschäftsführender Gesellschafter ist. Aber nun gibt es eine zweite Kapitalgesellschaft mit dem Gründerinnen-Team, was unterstreicht, dass die Berliner Ambitionen bei Männern und Frauen tatsächlich gleich sind: Beide erste Mannschaften wollen aus der Drittklassigkeit ganz nach oben. Das Frauenteam ist dabei zwar Teil des Gesamtvereins, aber handelt als ausgegliederte GmbH eigenverantwortlich und versteht sich als Start-up, was innovativ und wirtschaftlich denkt und handelt: „Als Gründerin bin ich es gewohnt, groß zu denken“, erklärt beispielsweise die Unternehmerin und Multi-Investorin Verena Pausder, die bis zur Verschmelzung mit der Commerzbank zum Aufsichtsrat der Tochterfirma comdirect gehörte, und fügte hinzu: „Dass ich mal mit fünf anderen tollen Frauen ein Fußballteam übernehmen werde, hätte ich mir aber nie erträumt.“

Viktoria könnte tatsächlich das erste gelebte Beispiel im deutschen Fußball sein, in der Männer wie Frauen gleichermaßen ihre Ziele verwirklichen können – in enger Gemeinschaft, aber getrennten Projekten und mit geballter Kompetenz auf und neben dem Platz. Holding-Chef Karajica betonte deshalb auch: „Die Gründerinnen haben uns mit ihrem Konzept und ihrer Passion sofort abgeholt. Nicht ohne Grund haben wir die 1. Frauenmannschaft vor zwei Jahren ausgegliedert und die Professionalisierung vorangetrieben. Wir freuen uns nun, in dem neuen Set-up den Frauenfußball neu zu leben und erfolgreich zu gestalten.“

Erst einmal gilt es, die neue Mannschaft für die Regionalliga-Saison 2022/23 zusammenzustellen. Das obliegt Henner Janzen, von Hause zwar Jurist aber seit 2002 auch Spielerberater und jahrzehntelanger Begleiter im Frauenfußball. Das erste Pflichtspiel wird im August 2022 das Erstrundenspiel im DFB-Pokal bei der BSG Stahl Brandenburg sein. Der Kick off sozusagen auf einem Weg, der bis 2025 in die Bundesliga führen soll – Durchmarsch nennt sich diese Ambition.

Michael Hohlfeld

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