4. Dezember 2022

Turbine-Präsident Karsten Ritter-Lang: „Wir brauchen jetzt einen Umbruch“

Seit 11. November ist der Mediziner Dr. Karsten Ritter-Lang neuer Präsident von Turbine Potsdam. Mit 94 Ja-Stimmen (bei zwei Enthaltungen und zwei Gegenstimmen) wurde dem 60-jährigen Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie das Vertrauen geschenkt. Einen Gegenkandidaten gab es nicht. Die Baustellen rund um den großen Traditionsverein des deutschen Frauenfußballs sind groß. Im Interview mit FiDo-Chefredakteur Michael Rappe erzählt Karsten Ritter-Lang, wie er Turbine in ruhigere Fahrwasser führen möchte.

FiDo: Herr Ritter-Lang, was hat sie bewogen, dieses schwierige Amt zu übernehmen?

Karsten Ritter-Lang: Ich bin über meine jüngste Tochter, die viele Jahre lang Fußball gespielt hat, zum Frauenfußball gekommen. Also ganz klassisch als Fan und Vater. Ich bin seit elf Jahren Mitglied bei Turbine und habe diverse Mitgliederversammlungen erlebt. Ich wurde dann im Sommer angesprochen, ob ich mich mit meinen Ideen und mit meiner Erfahrung, u. a. als Geschäftsführer der Fachklinik Stenum im niedersächsischen Ganderkesee, einbringen könnte. Auch der regionale Bezug ist für mich wichtig. Ich habe ein Faible für „underdogs“ und ich möchte positive Dinge machen und diese darstellen. Wir brauchen jetzt einen Umbruch, aber dabei muss man die Leute abholen und mitnehmen. Nur zu sagen, ab morgen wird alles anders, hilft nicht.

FiDo: Was sind für Sie die Gründe für die prekäre Situation bei Turbine, sportlich wie organisatorisch?

Ritter-Lang: Das ist eine Folge der letzten Monate und Jahre. Der Verein hat sich wenig mit sich selbst und seiner Perspektive beschäftigt, die handelnden Personen hatten häufig mehr mit sich selbst zu tun. Das war nicht vereinsförderlich. Bernd Schröder hat große Verdienste um den Verein, aber der Übergang zu der Zeit nach ihm als Vereinspatriarch war nicht gut. Da ist ein Vakuum entstanden. Trotzdem hilft er uns auch aktuell sehr. Ich fand die Kandidatur von Tabea Kemme gut, aber ihre Kommunikation über die Medien war der Sache nicht zuträglich. Über die Gründe, warum im Sommer 14 Spielerinnen den Verein verlassen haben, ist bei uns gegenüber Dritten Stillschweigen verabredet worden, ebenso zur Trennung von Sofian Chahed. Sportlich muss man sagen, dass zu Beginn dieser Saison vor allem der Fitnesszustand schlecht war. Es kann nicht sein, dass Spielerinnen aus dem Trainingslager mit muskulären Problemen zurückkommen. Wir haben eine Verantwortung für die Gesundheit der Spielerinnen. Mittlerweile ist ein klarer Aufwärtstrend im Bereich Fitness zu erkennen. Der neue Trainer Sven Weigang pflegt eine ganz klare Kommunikation, und die Spielerinnen sind schon viel entspannter. Noch leiden sie unter der Last des Tabellenkellers.

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FiDo: Turbine steht mit nur einem Punkt auf dem letzten Platz, auch die zweite Mannschaft ist in der 2. Liga Letzter. Was wollen Sie für den Klassenerhalt tun?

Ritter-Lang: Uns fehlt es ganz klar an Durchschlagskraft und Treffsicherheit. Wir strecken die Fühler aus und sind an Verstärkungen dran. Die Mittel dafür werden wir auf verschiedenen Wegen sichern. Der DFB hat uns gerade bestätigt, dass diese Saison abgesichert ist. Wir werden aber nicht irgendjemanden für ein halbes Jahr holen, sondern der Trainer soll ganz klar sagen, auf welchen Positionen Verstärkungen nötig sind. Die Lage bei den Verletzten entspannt sich auch etwas, Teninsoun Sissoko ist zum Beispiel wieder im Training. Sie ist für die Stabilität der Abwehr ganz wichtig. Über beide Teams stülpen wir jetzt eine Glocke, damit sie konzentriert arbeiten können. Leider ist für die zweite Mannschaft im Nachwuchsbereich nicht effektiv gearbeitet worden. Von Seiten der Trainer schon, aber nicht strukturell. Im sportlichen Bereich haben wir durch Dr. Karsten Görsdorf, Geschäftsführer des Instituts für Spielanalyse, eine große Hilfestellung für den Trainerstab.

FiDo: In einem FiDo-Interview hat Ihre Ex-Spielerin Isabel Kerschowski auch die ungenügenden Trainingsbedingungen beklagt. Was wollen Sie diesbezüglich tun?

Ritter-Lang: Die Trainingsbedingungen sind in der Tat suboptimal. Hier sind wir erneut mit der Stadt Potsdam in Gesprächen. Wir haben aber auch Potenziale nicht genutzt. Das Team hatte das Angebot, im Fitnessstudio von Katharina Witt zu trainieren. Dort ist Isabel Kerschowski Trainerin. Ich wusste davon nichts. Nun habe ich einen Termin mit Kathi Witt ausgemacht.

Dr. Karsten Ritter-Lang möchte Turbine Potsdam in eine erfolgreiche Zukunft führen. Foto: privat

FiDo: Die Kooperation mit Hertha BSC ist beendet, in Berlin streben Viktoria Berlin und andere Vereine nach oben. Warum hat es Turbine in den letzten Jahren in Nachbarschaft zur deutschen Hauptstadt nicht geschafft, (große) Sponsoren zu gewinnen?

Ritter-Lang: Man hat sich zu stark auf das eigene Umfeld konzentriert. Viele unserer Sponsoren sind auch Fans des Vereins. Das ist auch gut so. Aber wir brauchen weitere Sponsoren, und mit der Suche haben wir jetzt angefangen. Man muss es einfach machen, und da bin ich mir nicht zu schade, Klinken zu putzen. Wenn man für Vertrauen wirbt, ist es aber ganz wichtig, dass die Sponsoren auch Veränderungen im Verein sehen. Wir müssen den Klassenerhalt und die Strukturen schaffen, sonst ist Turbine irgendwann Geschichte.

FiDo: Apropos Strukturen. Wann ist das Präsidium wieder komplett?

Ritter-Lang: Wir haben die Mitgliederversammlung auf den 6. Januar verlegt. Am ursprünglichen Termin 8. Dezember hätte nur ein Teil des Präsidiums gewählt werden können. Kandidat:innen sind mittlerweile da, auch eine Kandidatin aus dem Bereich der Ultra-Fans. Turbine hat ganz treue Fans und Mitglieder, ich gehe bei Heimspielen immer auch in den Fanblock, damit sie merken, dass sie wahrgenommen werden. Ein Präsidium ist dazu da, den Verein ordentlich zu führen und sollte nicht ins Sportliche eingreifen. Wir wollen kein Geld, damit die Präsidiumsmitglieder Gucci-Anzüge tragen

FiDo: Der Frauenfußball boomt derzeit. Wie sehen Sie das in Bezug auf Turbine Potsdam?

Ritter-Lang: Ja, der Frauenfußball gewinnt an Attraktivität, aber die Sichtbarkeit, in der Presse vor allem, ist schlecht. Wo war Turbine medial in den letzten Monaten? Wir werden uns aber auch überlegen, welche Kampagnen wir machen müssen, um Zuschauer zu gewinnen. Es spielen 120 Kinder in der Waldstadt, mit je zwei Eltern und vier Großeltern. U. a. dort ist Potenzial.

FiDo: Ein solches Amt kostet viel Zeit und Kraft, neben Ihrer verantwortungsvollen, beruflichen Tätigkeit. Wie wollen Sie das bewältigen?

Ritter-Lang: Das Stressige hält sich in Grenzen. Im Krankenhaus habe ich meine Mitarbeiter, da läuft alles. Am Ende geht es zu Lasten des Privatlebens, aber das kennt meine Frau von mir.

FiDo: Eine Frage an Sie als Facharzt für Orthopädie. Warum gibt es bei Fußballerinnen so viele Kreuzbandrisse?

Ritter-Lang: Bei Frauen ist die Muskulatur im Knie viel laxer ausgebildet. Da muss mehr Augenmerk aufs Athletiktraining gelegt werden. Stabilisierung ist ganz wichtig.

FiDo: Wie optimistisch blicken Sie auf das Jahr 2023?

Ritter-Lang: Ich bin optimistisch für 2023, es gibt Gespräche mit den unterschiedlichsten Parteien. Ich wünsche mir natürlich den Klassenerhalt. Aber ich bin auf dem Boden der Realität.

Michael Rappe

Zur Lage bei Turbine ein Kommentar von FiDo-Chefredakteur Michael Rappe



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Quo vadis, Turbine Potsdam?

Ein Blick auf die Bundesligatabelle genügt. Nach dem 0:3 in Leverkusen ist Turbine Potsdam mit nur einem Punkt aus neun Spielen Tabellenletzter. Der Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz ist auf sechs Punkte angewachsen, und nur weil die SGS Essen nicht über ein 0:0 gegen Werder Bremen hinauskam, sind es nicht sogar acht Punkte. Es folgen die Spiele in Frankfurt und im neuen Jahr das letzte Hinrundenspiel gegen Bayern München. Schwer vorstellbar, dass da Punkte gelingen.

Es ist wohl eher fünf Minuten nach zwölf als fünf davor. Der Lichtblick: Mit dem neu gewählten Präsidenten Dr. Karsten Ritter-Lang scheint der Verein einen Präsidenten bekommen zu haben, der die Zukunft endlich anpackt. Seine Äußerungen und Zielsetzungen im FiDo-Interview klingen überzeugend. Er spricht die Versäumnisse der Vergangenheit deutlich an. Jahrelang wurde unter Rolf Kutzmutz, der den Verein von 2015 bis 2022 geführt hat, überwiegend der Stillstand verwaltet, im Ergebnis sogar ein Rückschritt. Die Sponsorensuche wurde vernachlässigt, wichtige Strukturveränderungen nicht angegangen.  

Die Fans von Turbine, und mit ihnen viele Fans des Frauenfußballs in Deutschland, bangen um den großen Traditionsverein aus Brandenburg. Bleibt zu hoffen, dass Dr. Karsten Ritter-Lang mit den am 6. Januar noch zu wählenden Mitstreitern die Wende schafft.

Michael Rappe

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