27. Dezember 2021

Martina Voss-Tecklenburg: „Wir gehören zur Weltspitze“

Köln. (SID)- Im Sommer gehört den Fußballerinnen die große Bühne: Ein Jahr später als geplant steigt 2022 die Fußball-EM in England (6. bis 31. Juli). Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg blickt im SID-Interview mit Jana Lange voraus und spricht über die sportliche Zielsetzung, die Entwicklung ihres Teams und den Austausch mit ihrem Kollegen Hansi Flick.

Martina Voss-Tecklenburg beim Länderspiel gegen Norwegen. Foto: Imago/foto2press

Martina Voss-Tecklenburg, ein weiteres Länderspiel-Jahr unter Corona-Bedingungen ist vorüber, welche Schulnote vergeben Sie aus sportlicher Sicht?

Martina Voss-Tecklenburg (Fußball-Bundestrainerin): Ein „gut“ Wir hatten ein paar Ausreißer nach unten, aber wir waren relativ stabil. Auch außerhalb des Platzes hatten wir viele gute Momente und haben die Herausforderungen mit einer guten Disziplin und Art gemeistert. Wir sind weiter zusammengewachsen. Es war ein sehr wertvolles Jahr auf unserem Entwicklungsweg Richtung EM, WM 2023 und allem, was danach kommt.

Es ist fast nur noch ein halbes Jahr bis zur EM in England – wie blicken Sie auf 2022?

Voss-Tecklenburg: Es geht jetzt rasend schnell. Ich freue mich mega darauf. Wir wollen uns mit den Besten messen, bei Turnieren dabei sein, uns zeigen. Das konnten wir in den letzten zwei Jahren nicht so exponiert. Aber ich freue mich auch auf alles, was danach kommt. Weil wir vieles angeschoben haben im Projekt „Zukunft weiblich Sport“.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg begleitet die Impfkampagne des DFB

DFB-Direktor Oliver Bierhoff sagte kürzlich übergreifend, es müsse der Anspruch deutscher Nationalteams bei allen Turnieren sein, unter die Top 4 zu kommen. Gilt das auch für die anstehende Frauen-EM?

Voss-Tecklenburg: Auch wir haben innerhalb des Teams diesen Anspruch. Aber mindestens acht Mannschaften formulieren das Ziel Halbfinale. Das zeigt, wie hochkarätig diese EM besetzt ist.

Glauben Sie, dass die Öffentlichkeit versteht, wie schwierig es mittlerweile auch für den Rekordeuropameister ist, so weit zu kommen?

Voss-Tecklenburg: Es liegt an uns, das öffentlich zu formulieren, aber auch zu sagen: Wir gehören zur Weltspitze dazu und gegen uns möchten die anderen Teams nicht so gerne spielen. Ich möchte, dass unsere Spielerinnen dieses Selbstbewusstsein entwickeln. Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir im Februar beim Mini-Turnier in England hochstehende Spiele (gegen Spanien, Kanada, England, Anm. d. Red.) haben, um zu sehen: Wie gehen wir mit Rückschlägen um, was braucht die Mannschaft, was brauchen einzelne Spielerinnen, um im Selbstverständnis zu bleiben? Wir wollen unseren Fußball spielen, nicht nervös werden, weil der Gegner uns plötzlich mit drei Leuten anläuft.

Lässt sich das trainieren?

Voss-Tecklenburg: Das ist schwer. Es ist ein Mehrwert, dass unsere Spielerinnen verstehen, wie wir Fußball spielen wollen. Da sind wir sehr weit. Das andere bekommst du nur über Turniererfahrung, Spielerfahrung. Wir sind immer noch zu brav. Ich würde mir noch mehr wünschen, dass wir in bestimmten Spielmomenten Zeichen setzen über Körpersprache, Lautstärke, Selbstverständnis.

Gibt es Themen, über die Sie sich z.B. mit Männer-Bundestrainer Hansi Flick intensiver austauschen? Er steht ja auch vor einem Turnierjahr.

Voss-Tecklenburg: Es gibt so viele Schnittstellen, das ist ein laufender Prozess. Wenn ich jetzt ein Thema erkennen würde, beispielsweise tiefstehende Gegner und Chipbälle in die Box, tausche ich mich mit Hansi aus: Wie trainiert ihr das? Wir greifen zum Telefon oder treffen uns online zum Gespräch. Beide Seiten können daraus Mehrwert generieren.

Als Benchmark im Frauenfußball haben Sie kürzlich den Champions-League-Sieger FC Barcelona bezeichnet – warum?

Voss-Tecklenburg: Das ist gerade die Benchmark im Vereinsfußball und es zeigt sich auch viel von dem, wie die spanische Frauen-Nationalmannschaft spielt. Dieses Selbstverständnis, in engen Situationen ruhig zu bleiben, lösungsorientiert zu sein. Da ist auch eine gewisse Coolness dabei. Und sie sind in der technischen Ausbildung unfassbar gut. Bei der EM 2017 haben sie tollen Ballbesitzfußball gespielt, ohne effektiv zu sein. Das können sie jetzt leider auch (lacht). Sie haben auch physisch zugelegt – und deshalb sind sie auch so gut, wie sie sind.

SID: Ist der Gruppengegner Spanien für Sie auch Topfavorit bei der EM

Voss-Tecklenburg: Einer der Topfavoriten, auf jeden Fall. Man muss noch die Entwicklung von England sehen mit dem Turnier im eigenen Land – können sie mit diesem Druck umgehen? Wenn ja, kann dich das tragen, das haben die Niederlande gezeigt als Europameister 2017. Die Niederländerinnen sind gerade in einem Prozess mit einem neuen Trainer, aber auch sehr eingespielt. Bei Frankreich kommen richtig gute junge Spielerinnen dazu, das Potenzial ist echt gut. Schweden müssen wir immer auf der Rechnung haben. Dänemark ist Vize-Europameister, die überraschen immer über ihr Kollektiv. Da haben wir schon relativ viele genannt (lacht). Es wird sportlich richtig herausfordernd.

Eine Herausforderung ist, wie Sie kritisierten, auch die Suche nach einem EM-Quartier in England – ist eine Lösung in Sicht?

Voss-Tecklenburg: Die UEFA-Deadline zur Festlegung ist nach hinten geschoben für alle Nationen. Wir haben zwei, drei zusätzliche Optionen bekommen. Was für mich wichtig ist: Dass das sportliche Setting stimmt, sprich kurze Wege zum Trainingsplatz, Quartiere, die uns ermöglichen, uns auf den Sport zu fokussieren. Da dürfen wir keine Kompromisse machen.

Im Kader haben Sie ein Luxusproblem im Tor mit dem Konkurrenzkampf zwischen Merle Frohms und den Herausforderinnen Almuth Schult und Ann-Katrin Berger. Kann sich das Ranking bis zur EM noch ändern?“

Voss-Tecklenburg: Es ist ganz klar, dass Merle aktuell unsere Nummer eins ist. Natürlich erwarten wir von Almuth und Ann-Katrin, dass sie diese Nummer eins angreifen. Merle muss sich wie die anderen beiden tagtäglich im Verein beweisen, aber auch bei uns. Das macht sie gut. So lange sie es gut macht, ist sie die Nummer eins.“

Abschließend noch ein Ausblick. Wie wichtig sind die kommenden beiden Turnierjahre für den deutschen Frauenfußball angesichts der rasanten Entwicklung im Ausland?

Voss-Tecklenburg: Wir haben in allen Ebenen weiter etwas zu tun. Natürlich wollen wir versuchen, mit dieser Nationalmannschaft so gut, attraktiv und erfolgreich wie möglich zu spielen. Denn Erfolg wird auch dazu beitragen, dass wir in strukturellen Belangen weiterkommen. Wir müssen aber auch an den Zulassungskriterien der Liga arbeiten, wir sind in der Qualifizierungsoffensive im Trainer*innenbereich, in der Sichtbarkeit gehen wir mit der Warner-Doku in eine coole Richtung. Irgendwann wirst du belohnt, wenn du aktiv bist und lösungsorientiert deinen Job machst.

SID


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