21. Juli 2022

Der vertraute Feind – Auf ins Halbfinale

Deutschland gegen Österreich – das ist bei den Frauen noch nicht so ein Klassiker wie bei den Männern, wo es die legendären Spiele von 1954 und vor allem von Cordoba 1978 gab. Erst zweimal trafen beide Teams aufeinander. Am 22. Oktober 2016 gewann Deutschland in Regensburg 4:2, von der damaligen Mannschaft sind noch Lina Magull, Svenja Huth und Alexandra Popp dabei. Sara Däbritz und Kathrin Hendrich wurden eingewechselt. Am 6. Oktober 2018 siegten die DFB-Frauen unter Horst Hrubesch in Essen 3:1, Alex Popp schoss das 1:0, den Ausgleich schoss Nicole Billa, außerdem trafen Linda Dallmann und Lea Schüller. Bei einer EM oder WM gab es das Duell also noch nicht. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat allerdings ihre Erfahrungen mit Österreich. Als Trainerin der Schweiz verlor sie bei der EM 2017 gegen Österreich 0:1.

Giulia Gwinn und Nicole Billa beim letzten Länderspiel im Oktober 2018. Foto: Imago/foto2press

Was das EM-Viertelfinale heute (21 Uhr, ARD) so besonders macht, ist die Tatsache, dass hier zahlreiche Bundesligaspielerinnen aufeinandertreffen. Vier Spielerinnen von Eintracht Frankfurt und drei von der TSG Hoffenheim treffen auf Teamkameradinnen. 13 Akteurinnen Österreichs spielen in der deutschen Bundesliga, viele kennen sich seit Jahren. Es ist so etwas wie das Duell mit einem „vertrauten Feind“. Wobei Feind in Anführungsstrichen zu setzen ist.

Ganz Österreich fiebert dieser Partie entgegen, die Begeisterung dort im Land scheint deutlich größer zu sein als in Deutschland. Es gibt viel mehr Public Viewing, der Rückhalt fürs Nationalteam ist groß. Kein Wunder, können die Österreicherinnen doch zum zweiten Mal in Folge ins Halbfinale einziehen. 2017 gewannen sie im Viertelfinale gegen Spanien nach Elfmeterschießen, um dann in der Vorschlussrunde ebenso im Elfmeterschießen gegen Dänemark auszuscheiden.

Schon damals war die starke Defensive auffällig, es ist äußerst schwierig, gegen Manuela Zinsberger, Victoria Schnaderbeck oder Sonja Puntigam ein Tor zu erzielen. Das musste schon das sturmstarke England im Eröffnungsspiel erfahren (1:0). Das Team von Trainerin Irene Fuhrmann ist eine ganz eingeschworene Gemeinschaft. Laura Wienroither (ehemals Hoffenheim, jetzt Arsenal WFC) und Katharina Naschenweng sind starke Außenbahnspielerin. Barbara Dunst und Verena Hanshaw sind wegen ihrer Standards gefürchtet, und dann ist da ja noch Nicole Billa, eine der gefährlichsten Torjägerinnen Europas. Ihr Siegtor gegen Norwegen war das 44. Länderspieltor im 88. Einsatz. Auf sie müssen Marina Hegering und Kathrin Hendrich ein besonderes Augenmerk haben. Und Vorsicht: Österreich ist das bisher laufstärkste Team dieser EM.

Doch die deutsche Mannschaft muss sich nicht verstecken. Nach drei Siegen ohne Gegentor und neun eigenen Treffern besteht dazu kein Anlass. Auch bei den deutschen Frauen herrscht enormer Kampfgeist, Jede kämpft für Jede, das frühe Pressen war bisher überaus eindrucksvoll. Felicitas Rauch und Lena Oberdorf dürften nach ihren Gelb-Sperren ins Team zurückkehren, sofern Lina Magull fit ist, wird auch sie wieder dabei sein. Und dann wartet da noch ganz viel Qualität auf der Bank, möglicherweise der entscheidende Vorteil für Deutschland.

„Ich erwarte ein sehr spannendes Spiel zweier Mannschaften, die sich nichts schenken werden“, sagte Kathrin Hendrich in der letzten Pressekonferenz vor dem Spiel. Die Bundestrainerin konnte berichten, dass 22 Spielerinnen einsatzfähig sind. Torfrau Almuth Schult hat einen fiebrigen Infekt. „Beide Mannschaften wollen ins Halbfinale, es wird mega intensiv werden“, sagte Martina Voss-Tecklenburg. Beide hätten sehr guten Fußball bisher gezeigt. „Wir müssen unsere Leistung bringen und wollen ins Halbfinale.“

ÖFB-Trainerin Irene Fuhrmann verbreitete Zuversicht. „Die Art und Weise, wie wir in der Gruppenphase aufgetreten sind, macht mich stolz. Die bisherige Leistung spricht für die harte Arbeit der Spielerinnen“, betonte Fuhrmann auf der abschließenden Pressekonferenz. Die vergangenen Tage habe man gut genutzt, um sich auf das Viertelfinale vorzubereiten. „Wir wissen, dass ein physischer Gegner wartet, der kaum Schwächen aufweist. Wichtig wird auch sein, dass wir uns selbst etwas zutrauen. Es geht darum, physisch dagegenzuhalten aber auch die entsprechende Körpersprache an den Tag zu legen. In einem K.-o.-Spiel ist alles möglich, so wollen wir es auch bestreiten.“

Michael Rappe

Foto: Martina Voss-Tecklenburg jubelt. Foto: Imago/Sportimage

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